Mein Tagesablauf bei der Tischlerei

Mein Dienstplan war jeden Tag der gleiche, und ich wusste schon immer selbst, was ich zu tun hatte.

Morgens fing es mit dem Essen kochen an. Dann musste überall sauber gemacht werden und am Nachmittag hatte ich dann in der Werkstatt zu arbeiten. Wie diese Werkstatt beschaffen war, darüber habe ich schon an früherer Stelle geschrieben. Unser Mittagessen bestand meistens aus einem argentinischen “Buchero“ mit Mandioka. Der Buchero ist eine dicke Suppe, in die viel Fleisch, Gemüse und Kichererbsen hineingekocht werden.

In Paraguay verwendet man statt Kichererbsen Locro (geschälten Mais). Abends gab es meistens kaltes, gebratenes Fleisch und abermals Mandioka. Das war immer das übliche Essen. Sonntags wurde nicht gekocht. Da ging Herr Genes auf dem Merkado zum Essen. Manchmal nahm er mich auch dorthin mit. Mein Chef wusste dort eine bestimmte Bude, in der eine frühere Liebste von ihm waltete, die ihm immer ein besonderes Etwas herrichtete. War ich dabei, dann lächelte die schwarze Schönheit nur immer vielsagend, hielt aber sonst mit ihren Liebesbeteuerungen sehr an sich, damit sie nicht zu falschen Ohren kommen konnten. Mein Chef erzählte mir aber daheim doch alles wieder, und wir lachten uns dann nachträglich über die Dummheit der Evatöchter halbtot. Ein solches Mittagessen war dann meistens der Anlass, dass mir Herr Genes alte Geschichten und Abenteuer erzählte, die er einmal erlebt haben wollte. Am Schluss landeten wir dann gewöhnlich wieder bei Geistern und Gespenstern. Einmal geschah es sogar, dass ich zum Nachtwandler wurde, weil ich so sehr von dem Unmöglichen ergriffen war.

In diesen Tagen war gerade einer jener vielen Bürgerkriege beendet worden, in denen ein Präsident, der sich den Staatsbeutel genügend gefüllt hatte, gestürzt wurde. Tagelang waren die Straßen mit Soldaten der Regierung und der Aufständischen angefüllt gewesen, und manchmal ist auch ein Schuss oder mehrere gefallen. Tote gab es fast nie. Das wichtigste war ja auch, das recht viel Krach gemacht wurde, und der Präsident Angst bekam. Jetzt hatten die blauen wieder einmal die Gewalt an sich gerissen, und die roten verdrängt. So ein Putsch fehlte in keinem Jahr, denn die Herren wollten ihren guten Posten nicht gerne verlieren. Also musste Gewalt angewendet werden.

Das Ende war dann immer der Sturz des derzeitigen Präsidenten, der durch einen anderen der Gegenpartei ersetzt wurde, und nach Beendigung seiner Dienstzeit musste auch dieser wieder gestürzt werden, weil er ebenfalls nicht freiwillig gehen wollte. So ging das immer hin und her und es gab kaum einmal ein Jahr Ruhe. Nun war also wieder ein neuer Präsident ans Ruder gekommen, der um seiner Sicherheit willen ein Ausgehverbot nach neun Uhr abends erlassen hatte.

Von der Hauptwache der Polizei ging nun in Abständen von je einer Viertelstunde ein Trillerpfiff durch die Stadt, der jeweils von dem nächststehenden Schutzmann weiter gegeben wurde. Das Gepfeife ging die ganze Nacht hindurch, und es klang bestimmt sehr unheimlich.

Nachdem Herr Genes mit seinen Geschichten zu Ende war, und wir uns zur Ruhe gelegt hatten, war auch ich sehr bald eingeschlafen. Mitten in der Nacht – es mag so gegen ein Uhr gewesen sein – stand ich auf und wanderte zum Tor hinaus. Ich ging seelenruhig auf der Straße spazieren, und hörte weder einen Warnpfiff, noch sah ich einen Polizeimann. Ich schlief richtig mit offenen Augen. Aber ich kam nicht sehr weit, denn bald hatten mich die Hüter der Ordnung entdeckt und – erwischt! Ich war ganz überrascht, als ich merkte, dass ich festgehalten wurde. Die Herren nahmen mich in ihre Mitte und schleiften mich auf die Wache unseres Reviers. Sie waren der Meinung, ich sei betrunken.

Hier wurde ich nun nach allem Möglichen ausgefragt, auch nach der Adresse meiner Eltern. Als ich daraufhin zu Protokoll gab, meine Mutter wohnt in Deutschland, glaubten die Herren Polizeibeamten, mich darauf aufmerksam machen zu müssen, dass man beim Veralbern der Staatsbehörden schwere Strafen zu erwarten habe. Ich beteuerte, dass ich wirklich kein Eingeborener sei, aber man wollte mir da nicht glauben. Papiere hatte ich auch nicht, konnte also gar nichts machen. Man hätte mich gewiss noch lange festgehalten, wenn nicht mein Meister erschienen wäre, und für mich gebürgt hätte. So aber durfte ich machen, dass ich fortkam.

Auf dem Wege nach Hause fragte ich dann meinen Chef, wieso er mich gefunden habe. Er erwiderte darauf, dass er wach geworden sei, und mich vermisst habe. Es habe jedoch schnell bei ihm gedämmert, und so wäre er eben auf die Polizei gekommen.

Auch er verlangte von mir eine Aufklärung, wie ich auf die Idee gekommen sei, einen Nachtspaziergang zu machen. Ich erzählte nun auch meinerseits, wie das zugegangen war und dann lachten wir noch herzlich über diesen Spaß.

Seitdem ließ ich mir nie mehr etwas von Geistern und Gespenstern erzählen.


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